Wer mit Kindern ins Theater geht, bringt oft schon eine ganze Liste an Erwartungen mit. Man soll rechtzeitig da sein, seinen Platz finden, still sitzen, leise sein und dann möglichst bis zum Schluss aufmerksam bleiben. Dabei passiert auf der Bühne etwas, das einen zum Lachen bringt, überrascht oder unbedingt besprochen werden muss. Ganz schön viel verlangt, finden wir. Deshalb machen wir im Wilma Theater so, dass Kinder mit ihrer Neugier, ihrer Bewegung und ihren Reaktionen Platz haben.
Wir möchten auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen. Das klingt zunächst selbstverständlich. Wenn man es ernst nimmt, beeinflusst es aber ziemlich viele Entscheidungen: Wie sitzen wir zusammen? Wie nah sind die Schauspielerinnen und Schauspieler? Darf ich mich umdrehen? Darf ich zeigen, dass mich etwas begeistert? Für uns beginnt ein Theaterbesuch schon bei diesen Fragen.
Wir wünschen uns einen Ort, an dem Kinder sich wohlfühlen und das mitbringen dürfen, was sie besonders gut können: lebendig sein.
Lange still zu sitzen kann richtig anstrengend sein. Durchgehend aufzupassen ebenso. Und wer gerade etwas Aufregendes entdeckt hat, möchte das vielleicht sofort teilen. Wir kennen das doch selbst: Diesen kleinen Impuls, jemanden neben uns anzuschauen, gemeinsam zu lachen oder zu flüstern: Hast du das gesehen? Kindern geht es genauso. Wenn wir sie ins Theater einladen, möchten wir diesen Wunsch mitdenken. Schließlich gehört die Freude darüber, etwas gemeinsam zu erleben, für uns ganz wesentlich zum Theater.
Deshalb sind auch die scheinbar kleinen Dinge wichtig. Ein Stuhl zum Beispiel. Für Erwachsene ist er vielleicht einfach ein Sitzplatz. Für ein Kind kann er so hoch sein, dass die Füße in der Luft hängen. Dann sitzt man da, rutscht herum und versucht, eine angenehme Position zu finden. Wir möchten, dass Kinder bei uns gut ankommen können, auch mit ihrem Körper. Dass sie einen Platz haben, auf dem sie sich wohlfühlen und von dem aus sie etwas sehen.
Genauso wichtig ist die Nähe zu den Eltern. Vielleicht entdeckt ein Kind auf der Bühne ein winziges Detail, das sonst niemand bemerkt hat. Vielleicht erinnert eine Figur an jemanden. Vielleicht ist eine Stelle gerade ein bisschen unheimlich. Dann soll es möglich sein, sich zuzuwenden, etwas ins Ohr zu flüstern oder kurz Nähe zu suchen. Solche Momente gehören zu einem gemeinsamen Theaterbesuch. Wir möchten ihnen Raum geben, weil sich darin zeigt, wie viel gerade im Kind passiert.
Auch die Entfernung zur Bühne macht etwas aus. Wenn die Spielenden weit weg sind, muss man erst einmal eine ganze Strecke überwinden, mit den Augen und mit dem Gefühl. Wir mögen die Nähe. Ein Gesicht sehen, eine kleine Bewegung mitbekommen, einen Blick auffangen: Das hilft dabei, mit einer Figur mitzugehen. Wir möchten, dass Kinder einen Zugang zu den Menschen auf der Bühne finden. Dass sie mitfühlen, mitfiebern und sich in einer Geschichte wiederfinden können.
Dabei hat jedes Kind seine eigene Art zuzuschauen. Eines lacht sofort los, ein anderes schaut lange ganz genau hin. Eines möchte etwas mitteilen, ein anderes braucht erst einmal die Sicherheit eines vertrauten Menschen. Uns ist wichtig, diese Unterschiede mitzudenken. Wenn wir Theater für Kinder machen, möchten wir neugierig darauf bleiben, wie sie es erleben. Wir wollen einen Rahmen schaffen, in dem sie sich auf eine Geschichte einlassen können und sich dabei willkommen fühlen.
Dazu gehört für uns auch, Bewegung mitzudenken. Ein Kind erlebt eine Geschichte mit dem ganzen Körper. Es beugt sich gespannt nach vorne, dreht den Kopf, rückt näher zu Mama oder Papa. Auch dafür möchten wir gerne Platz lassen.
Denn wir wünschen uns, für Kinder ein guter Einstieg ins Theater zu sein. Vielleicht ist es ihr allererster Besuch. Vielleicht kennen sie Theater schon und entdecken bei uns etwas Neues daran. Uns liegt daran, dass sie Lust bekommen, wiederzukommen. Dass sie mit einem Gefühl nach Hause gehen, das sagt: Da möchte ich noch einmal hin. Dort gibt es Geschichten zu entdecken. Dort kann ich staunen. Dort kann ich mit meinen Eltern etwas erleben, das uns anschließend noch beschäftigt.
Zu diesem Gedanken gehören auch unsere Nachmittagsangebote. Zu den Stücken bieten wir Theaterworkshops und Bastelnachmittage an. Die Geschichte bekommt dadurch noch einmal einen anderen Raum. Was vorher auf der Bühne zu sehen war, kann zum Ausgangspunkt für eigenes Spielen, Gestalten und Ausprobieren werden. Uns gefällt die Vorstellung, dass ein Theaterstück weiterwirken darf. Dass Kinder sich damit beschäftigen können, was sie besonders spannend fanden, und dabei ihre eigenen Ideen entdecken.
Beim Basteln und beim Theaterspielen beschäftigen sich die Kinder auf eine weitere Art mit dem Stück. Sie können selbst tätig werden, etwas ausprobieren und ihrer Fantasie folgen. Vielleicht bleibt eine Figur besonders im Kopf, vielleicht eine Stimmung oder eine Frage. Solche Anknüpfungspunkte interessieren uns. Wir möchten Möglichkeiten schaffen, sich einer Geschichte aus verschiedenen Richtungen zu nähern. Das Zuschauen ist dabei ein Anfang, aus dem sich noch vieles entwickeln kann.
Währenddessen können die Eltern eine Runde machen und etwas Zeit für sich haben. Auch das gehört zu unserer Idee eines schönen Nachmittags. Die Kinder haben Gelegenheit, sich mit dem Theater und der Geschichte zu beschäftigen, und die Eltern bekommen ein wenig Freiraum. Wir möchten Angebote machen, die zum Familienalltag passen und Freude bereiten. Einen Ort schaffen, zu dem man gerne kommt, weil hier gemeinsame Erlebnisse und eigene Erfahrungen ihren Platz haben.
Und dann gibt es Kinder, denen es im Publikum so gut gefällt, dass sie selbst auf die Bühne möchten. Dafür haben wir unsere eigenen Kindertheatergruppen. Hier kann aus der Begeisterung fürs Zuschauen die Lust am eigenen Spielen werden. Eine Rolle ausprobieren, gemeinsam eine Geschichte gestalten und erleben, wie aus vielen Ideen Theater entsteht: Diese Möglichkeit gehört für uns ganz eng zu dem, was wir im Wilma machen möchten.
Genau darin liegt der Motor hinter unserem ganzen Vorhaben. Wir möchten Kindern Theater nahebringen und ihnen Möglichkeiten geben, selbst Teil davon zu werden. Vom ersten neugierigen Blick auf die Bühne über einen Bastelnachmittag bis zum eigenen Theaterspielen hängt für uns alles zusammen. Wir schaffen diese Angebote, weil wir die Lebendigkeit von Kindern mögen und ihr Raum geben wollen. Weil ihre Begeisterung, ihre Fragen und ihre Fantasie hier etwas bewegen dürfen. Darum machen wir Theater so, wie wir Theater machen.